Die Neuinszenierung der Passionsspiele in Tettau zieht die Zuschauer in den Bann.
Tettau - Das angestrahlte mächtige Kreuz mit dem geschundenen Leib Christi und dem Schild "INRI" - "Jesus von Nazareth, König der Juden" wirft Schatten. "Vater in deine Hände lege ich meinen Geist": Gebannte Angespanntheit bei den Zuschauern. Der Tod Jesu naht: "Es ist vollbracht!", sagt Jesu mit letzter Kraft - mit einer Eindringlichkeit, die einem den Schauer über den Rücken laufen lässt. Es sind seine letzten Worte am Kreuz. Eine lastende Stille folgt. Die Ergriffenheit verschlägt einem geradezu den Atem. Es sind Momente, in denen der Zuschauer kaum zu atmen wagt. Manche weinen.
Die Kreuzigungs- und Sterbeszene zählt zu den eindringlichsten Momenten der Passionsspiele, die in insgesamt fünf Aufführungen in der Festhalle in Tettau zu sehen sind. Zwei Stunden lang gingen bereits am Samstag und Sonntag die Besucher den Weg des Leidens und Sterbens Jesu mit - machtlos und ohnmächtig gegenüber der wachsenden Erregung der Menge, dem Jesus entgegen geschleuderten Hohn und Spott und den hasserfüllten Schreien "Ans Kreuz mit ihm". Die Geißelung, der Kreuzweg, dann die Szene am Kreuz schnüren den Zuhörern die Kehle zu. Es wird stockdunkel im Saal, Donner, zuckende Blitze. Es ist vollbracht.
Der Hohe Rat möchte den ihnen lästig gewordenen Wanderprediger aus Galiläa los werden. Sie verführen den von Zweifeln geplagten Judas zum Verrat. Nach dem Abendmahl wird Jesus am Ölberg festgenommen, vor den Hohen Rat und anschließend vor Pontius Pilatus gebracht, da nur dieser als kaiserlicher Statthalter ein Todesurteil anordnen darf. Pilatus fühlt sich nicht zuständig für die Verurteilung eines Galiläers. Daher wird Jesus vor König Herodes gebracht, dem der Gefangene als dessen Bürger offiziell unterstellt ist. Doch der verweist ihn zurück an Pilatus, der vom aufgebrachten Volk zu einem Urteilsspruch genötigt wird. Pilatus ordnet schließlich die Kreuzigung an. Jesus tritt den schmerzvollen Gang nach Golgatha an, wo sein Leiden ein Ende findet.
Das Leben und Leiden Jesu präsentierten die 70 Mitwirkenden in ihren Texten Wort um Wort, in ihrer Musik Ton um Ton tatsächlich auf solch eindringende Art und Weise, dass man meinte, Teil der Handlung zu sein und alles vor seinem geistigen Auge sehen zu können: den Aufruhr und die Erregtheit, den Sarkasmus und das Geschrei der sensationslüsternen Menge bei der Verurteilung, Jesu Schmerzen am Kreuz, das Leid seiner Mutter. Der Chor unter Leitung von Anja Knabner berührte mit emotionalem, eindringlichem, klangsauberem Gesang, in schöner Harmonie. Seine Art zu singen, ging unter die Haut - und das alles live! Gemeinsam schufen die Akteure eine wehmütige Atmosphäre.
Und da ist natürlich die tragende Rolle des Jesus, dargestellt von Jörg Schrepfer. Er "spielt" die Rolle des Jesu nicht, er "lebt" sie mit seiner Stimme, seinen Gesichtszügen und den Bewegungen seines Körpers, mit enormer physischer Kraft. Er ist der Nackte, der Geschundene, der Leidende - mit einer Einfühlsamkeit, mit der er die Geschehnisse schmerzhaft spürbar macht: gütig, sanftmütig und liebevoll, von Schmerz erfüllt und von Weinkrämpfen erschüttert, voller Angst, in sich zerrissen und doch so mutig und entschlossen - vor allem aber voller Liebe zu uns Menschen. Bis zuletzt, bis zu diesem Moment am Kreuz, gibt Schrepfer dem Leben, Leiden und Sterben Jesu Christi ein wahrhaft menschliches Antlitz.
Es wird stockdunkel, Blitze und Donner sind zu hören. Maria (großartig: Christiane Fiedler) klammert sich an ihren am Kreuz hängenden Sohn, überwältigt von der Trauer, aber auch getröstet in der Erkenntnis und in der Hoffnung auf ein "Danach" - auf ein helles, strahlendes Osterfest. Uns so ist es dann auch: Als Maria und andere Frauen am nächsten Morgen zum Grab Jesu gehen, ist das Grab leer und Jesus auferstanden.
Der Chor singt "Jesus bringt Leben, Halleluja". Die Zuschauer merken, was Jesus uns mit seinem Tod geschenkt hat. Sie erheben sich und singen mit. Mehrere Hundert Zuhörer: Mit offenen Augen und Herzen sind sie bereit, sich und die Musik zu spüren. Sie sind bei sich selbst angekommen. Ein Gefühl der Gemeinschaft macht sich breit - einer der Höhepunkte eines unvergesslichen Abends voller Inbrunst und Tiefe, voller Seele. Die Zuhörer brauchen einige Zeit, um wieder "zu sich" zu finden. Zu aufgewühlt, zu schmerzvoll berührt sind sie von dem Erlebten, um sofort wieder im "Jetzt" ankommen zu können. Und so ging es Jörg Schrepfer, der sich gerührt vom Applaus zeigte. Es war der verdiente Lohn für die Mitwirkenden, die sich ein ums andere Mal verbeugen. Der Beifall reißt nicht ab. Niemand im Publikum möchte die Festhalle schnell verlassen - so intensiv war das eben Erlebte. Ein großer Moment für die Mitwirkenden, denen die Freude ins Gesicht geschrieben steht.
Ihr Spiel war "mehr": Es fesselte mit Kraft und Hingabe und es hinterließ Spuren im Gemüt der Menschen. Die von Jesus gepredigte Nächstenliebe, die den Neid und den Hass, der uns allen angeboren ist, zurückdrängt - ein Wunsch, der so oft ungehört verhallt, gerade in diesen Tagen. Genau das meinte Lydia Müller, die nach zehnjähriger Festspielpause die Gesamtleitung übernommen hatte, auch in ihren Schlussworten, als sie sagte: "Anfeindung, Hass, Verspottung - das sind Dinge, die im täglichen Leben bei uns passieren. Mehr Gegenwart als die Passionsspiele kann nicht sein. Wie gehen wir selbst mit solchen Dingen, wie geht die Welt mit solchen Anfeindungen um?", fragt sie.
Mehr Gegenwart als die Passionsspiele kann nicht sein.
